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Heavy Metal IGM-Chef Berthold Huber wird zum gefragten Partner von Vorstandsbossen (22.09.2009 | 02:20) Der Samowar blubbert noch warm vor sich hin. Gerade ist der Stargast entschwunden. US-Präsident Barack Obama hat nur Minuten zuvor die Residenz von Wladimir Putin vor den Toren Moskaus verlassen. Das Frühstück mit schwarzem Kaviar, Teigtaschen mit Wachtelfleisch und geräuchertem Stör rührte der Amerikaner kaum an. So opulent das Buffet, so kühl war offenbar das Klima zwischen den beiden Top-Politikern. Nun also kommt der nächste Gast. Es ist Berthold Huber. Berthold wer? Huber, der deutsche IG-Metall-Chef. Der Reformfunktionär. Der Gewerkschaftsgrübler. Der westliche Arbeiterführer. Und welch Überraschung: Je länger sein Gespräch dauert, umso mehr taut Putin hier auf. Da sitzt er nun also, derselbe Huber, der vorher in der Economy-Klasse einen Gangplatz hatte, während der mitreisende Vertreter des VW-Gesamtbetriebsrats vorn in der Business Class saß. Derselbe Huber, der seine Unterlagen im schwarzen Allerweltsrucksack mit sich herumschleppt. Derselbe Mann, der auf Podien oder Kundgebungen allenfalls mit ironischem Unterton als "großer Vorsitzender" begrüßt wird. Und der dann ernst sagt: "Der große Vorsitzende ist seit 1976 tot." Und nun sinkt er neben Russlands Premier in die schweren Sessel und parliert mit ihm über die Situation bei Opel zu Hause in Deutschland. Dem Dolmetscher wird abgewunken. Man spricht deutsch. Und man versteht sich. Ein Konsortium des österreichisch-kanadischen Zulieferers Magna und der russischen Sberbank will sich zusammen mit dem russischen Autobauer Gaz an der Traditionsmarke beteiligen. Doch weil die Verhandlungen zuletzt stockten, will Huber hier klarmachen, dass Magna und die Russen das Vertrauen seiner IG Metall haben und ohne ihn da nicht viel beschlossen wird - GM hin, neue Offerten her. Das Erstaunlichste an dem Russland-Trip vergangene Woche: Huber könnte recht haben, dass ohne seine Zustimmung zu Hause nichts entschieden wird, auch wenn er keinerlei Mandat hat. Sein Besuch in Moskau ist nur der staatstragende Höhepunkt einer Entwicklung, die aus einem einst eher provinziellen Gewerkschaftsgrübler so eine Art allgemein anerkannten Schwer-Metaller gemacht hat. Plötzlich ist er bei Politikern und Vorstandsbossen als Gesprächspartner gefragt. Auf einmal wird er eingeladen, darf mitreden, mitentscheiden - mitregieren wie ein Schattenminister. Unternehmensführer wie Schaeffler-Erbin Maria-Elisabeth oder Daimler-Chef Dieter Zetsche suchen seine Nähe sicher auch deshalb, weil die große Krise noch ebenso große Verwerfungen wie schmerzhafte Einschnitte mit sich bringen wird. Sie wissen aber auch, dass man mit Huber reden kann. Anders als mit seinem Vorgänger, dem als Betonkopf verschrienen Jürgen Peters. Das Dumme war lange Zeit nur: Peters war der ebenso gradlinige wie eindimensionale Polterer und Populist für die Massen, Huber der eher zerstreut wirkende Theoretiker für die Zukunft. Zurück zu dieser alten IG Metall der unfreiwilligen Doppellösung will Huber nie mehr. Zu wach sind die Erinnerungen an das Jahr 2003, als die Richtungskämpfe seine Gewerkschaft fast zerrissen. Damals wollte der amtierende IG-Metall-Chef Klaus Zwickel Huber zu seinem Nachfolger machen. Bei der Vorstandssitzung am 8. April 2003 in Dresden sollte Huber gegen Peters zum Kandidaten gekürt werden. Zwickel rechnete mit einem Stimmverhältnis von 23 zu 17 Stimmen für Huber. Er irrte sich. Die Wahl endete mit einem Patt. Zwickel musste seinen ungeliebten Vize Peters als Ersten und seinen eigenen Kandidaten als Zweiten Vorsitzenden vorschlagen. Noch heute muss sich Huber von seinen damaligen Unterstützern vorhalten lassen, dass er zu feige gewesen sei, auf dem Gewerkschaftstag direkt gegen Peters anzutreten. Doch dann wäre der Riss durch die Gewerkschaft nicht mehr zu kitten gewesen, glaubt er. "Dass ich damals so reagiert habe, ist vielleicht meine größte Lebensleistung", bilanziert Huber heute. So gelang es ihm, den zerstrittenen Haufen in kürzester Zeit wieder zu befrieden. Er kann aber auch stur sein. Das bringt seine Geschichte mit sich: 1950 wurde er in Ulm als eines von sieben Kindern geboren. Seine pietistisch geprägten Eltern, beide CDU-Mitglieder, geben ihm den Zweitnamen Aloisius, "der Weise". Später schicken sie ihn auf ein Jesuiten-Gymnasium, dann aufs Internat, in der Hoffnung, die christliche Erziehung könnte ihrem Wunsch Nachdruck verleihen, der Filius möge Pfarrer werden. Nächstenliebe hat er dort nicht immer erlebt. Von Geburt an plagt Huber eine Krankheit, die seine Hände zittern lässt, vor allem wenn er in Stress gerät. Der junge Berthold wurde von seinen Eltern von Klinik zu Klinik geschickt, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Bis heute blieb die Suche ergebnislos. Seither reicht das Spektrum der Verdächtigungen von Drogenkonsum bis Alkoholismus. Statt auf seine körperliche Konstitution Rücksicht zu nehmen, führten ihn schon seine christlichen Lehrer am Internat regelmäßig vor. Mal sollte er an der Tafel schönschreiben, mal im Musikunterricht Linien für die Tonleiter zeichnen. "Ich kann das nicht", sagte er immer wieder, die Lehrer beharrten darauf und machten ihn zum Gespött der Klasse. Huber rebellierte, trat als Klassensprecher zurück und schloss sich radikalen K-Gruppen an. Statt Pfarrer zu werden, begann er eine Lehre als Werkzeugmacher beim Bushersteller Kässbohrer. 1978 wählen ihn die 5000 Beschäftigten zum Chef ihres Gesamtbetriebsrats. Er mischt die IG Metall in Baden-Württemberg auf, die nach seiner Meinung viel zu zahm und kooperativ mit den Arbeitgebern verhandelt - und wird zu einer Art Ziehsohn des damaligen IG-Metall-Chefs Franz Steinkühler. Der schickt ihn nach einem abgebrochenen Philosophiestudium 1990 nach Sachsen, um dort die IG Metall neu aufzubauen. "Mein Ölberg ist Leipzig", beschreibt Huber biblisch seine Wandlung vom linken Radikalen zum liberalen Reformer. "Ich bin mehr 89er als 68er. Im Osten habe ich gesehen, wie der real existierende Sozialismus die Menschen entmündigt hat, wie Ideologien funktionierende Strukturen zerstören können." Seither klebt an ihm das Image des Philosophen, des nachdenklichen und abwägenden Gewerkschafters. Für die Basis kann das Gift sein. Dass Huber manchmal mitten im Satz abbricht und tief Luft holt, als lastete alle Erdschwere auf seinen Schultern, verstärkt den Eindruck nur. Oft verschränkt er die Arme, schiebt sein Kinn nach vorn und legt die Stirn in Falten. Die Denkerpose, spotten seine Kritiker. An Huber prallt auch das mittlerweile ab. Man lebe in einer "durchprofessionalisierten Welt, wo alle nur noch funktionieren müssen". Gewerkschaft sei eben nicht nur Tarifpolitik, sondern auch ein Forum, wo man einfach mal reden könne, "auch wenn es Blödsinn ist". Und wo bleiben die kapitalismuskritischen Visionen? Wo ist der große ideologische Wurf? Für solche Fälle beraumt Huber gern eine Konferenz an oder startet eine Kampagne, die dann aber eher therapeutischen Charakter haben. Fast muss er aufpassen, dass ihn nicht ausgerechnet die Gegenseite deshalb zu sehr schätzen lernt. Gemeinsam mit Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann sitzt er heute im Siemens-Aufsichtsrat. Von Peters, Ver.di-Chef Frank Bsirske oder DGB-Chef Michael Sommer wurde Ackermann regelmäßig zum Feindbild erklärt. Huber dagegen trifft sich regelmäßig mit dem Top-Banker. Er kenne ihn "als kompetenten, sachlichen und vertrauenswürdigen Gesprächspartner, der seine Ziele ruhig, aber beharrlich und auch mit dem Blick auf das Ganze verfolgt", äußert sich Ackermann erstaunlich lobend. Die Gespräche empfinde er "immer als wertvoll". Andere Gewerkschafter kämen mit "25 Vorschlägen, völlig ungeordnet und meist aus dem Traditionsbestand, um die Krise zu bewältigen", sagt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Huber sei dagegen der "kreative Geist seines Ladens, der ohne Schaum vorm Mund und ohne permanente Vorwürfe an die Politik seine Ideen unter die Leute bringt". Selbst die Kanzlerin nennt ihn "einen einfühlsamen und besonnenen Gesprächspartner". Darf's noch etwas mehr sein? Geht das überhaupt? Natürlich wird das Charme-Feuerwerk nicht ohne Hintersinn gezündet. Huber vertritt 2,3 Millionen Menschen. Das sind mehr, als alle im Bundestag vertretenen Parteien zusammen Mitglieder haben. Er ist Chef der größten Einzelgewerkschaft der Welt, die ihren Mitgliederschwund nach langen Leidensjahren gestoppt hat. Und er kann zuhören. Er verteufelt die Leiharbeit nicht, sondern will sie nur domestizieren. Er lässt Abweichungen vom Tarifvertrag zu, wenn es die Lage des Unternehmens erforderlich macht. Er sieht ein, dass in Zeiten der Krise befristete Verträge sechsmal in vier Jahren verlängert werden dürfen, bisher ging das nur zweimal. Dann spricht er von "Engagement", das die Beschäftigten zeigen, "man muss ja nicht immer von Opfern reden". Er mag die Gewerkschaftsrhetorik nicht. Kein anderer IG-Metall-Chef ging bislang so "pragmatisch und in der Regel konstruktiv" in die Gespräche, sagt selbst sein direkter Gegner, Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser. Huber selbst verliert nur bei einem bisweilen seine Contenance: dem neuen CSU-Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. "Ich habe keinen Eindruck von Guttenberg", ätzt er dann. "Er hat bislang ja noch nicht viel zustande gebracht außer schönen Bildern auf dem Times Square." Dabei ist Guttenberg wie er selbst doch einer der wenigen Krisengewinner. Aber Hubers Branche mit ihren exportorientierten Maschinen- und Autobaubetrieben gilt als am stärksten von der aktuellen Rezession betroffen. IG-Metall-Politik bedeutet deshalb chronischen Kampf mit, um und gegen Schaeffler, Opel, Porsche oder VW. Dank des guten Verhältnisses zu Arbeitsminister Olaf Scholz setzte Huber die Verlängerung des Kurzarbeitergelds von 6 auf jetzt 24 Monate durch, das nun vor allem von der Metallindustrie genutzt wird. Hunderttausende Arbeitsplätze wurden auf diese Weise bislang gerettet. Die beiden Konjunkturpakete der Bundesregierung mitsamt der Abwrackprämie kamen auch deshalb zustande, weil die Gewerkschaften - allen voran der IG-Metall-Chef - immer wieder drängten. Eigentlich sollten am ersten Krisengipfel im Kanzleramt nur die üblichen Verdächtigen teilnehmen: andere Gewerkschafter, Ökonomen, Verbandspräsidenten. Niemand aus der Industrie. Auf Hubers Drängen wurden mehrere "Realkapitalisten" dazugeladen, wie er sie nennt: Siemens-Chef Peter Löscher und Udo Ungeheuer von der Schott AG zum Beispiel. Beides Unternehmen, die auch große Automotive-Sparten unterhalten. "Ich habe keine Lust auf die immer gleichen dogmatischen und ideologiebehafteten Diskussionen", begründet Huber die Nachbesetzung. Das half am Ende vor allem der Idee der Abwrackprämie. Merkel fragte in die Runde: "Bringt das was?" Fraktionschef Volker Kauder lehnte ab, Ökonomen und Verbandsfürsten ebenfalls, alle mit dem Hinweis auf ordnungspolitische Grundsätze. Löscher und Ungeheuer dagegen sagten: "Das bringt was." Am 27. Januar beschloss das Kabinett die "Richtlinie zur Förderung des Absatzes von Personenkraftwagen". Gleichwohl werden ihm nun auch die Schattenseiten der Abwrackprämie vorgehalten. Sie bringe zu wenig und das wenige den Falschen, weil auch ausländische Autobauer profitierten. Huber kennt die Argumente. Aber er lässt sie nicht gelten. "Es waren Lösungen gefordert, die in der damaligen akuten Situation helfen. Hätten wir die Industrie komplett abstürzen lassen sollen? Jetzt gibt es neue Fragen, und wir müssen eben neue Antworten geben." Wenn schon der Rest des Exportgeschäfts darniederliegt, will er wenigstens die Abwrackprämie zum internationalen Verkaufs-Hit machen. Er hat sogar dafür Argumente: Seit China eine eigene staatliche Förderung eingeführt hat, verkaufte allein VW dort 300 000 Autos im ersten Quartal, sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Vielleicht muss so global denken, wer als Arbeiterführer heute überleben will. Janko Tietz / DER SPIEGEL 30/2009 VOM 20.07.2009